opera, balet
Edward Clug, Carl Orff

Carmina Burana

12. 10. 2022 I

Carmina Burana

Über die Inszenierung

Carmina Burana des deutschen Komponisten Carl Orff (1895–1982) gilt heute als eine der berühmtesten szenischen Kantaten, die während des Aufstiegs des Nationalsozialismus 1936 vollendet wurde, obwohl man Orffs Musik als entartete Musik bezeichnet hatte. Orff verwirklichte in Carmina Burana, wie in einer ähnlichen Manier dies schon Richard Wagner mit seiner Idee eines Gesamtkunstwerks gemacht hatte, das Konzept „theatrum mundi“ – Theater der Welt, in dem eng und sozusagen bis zur Unteilbarkeit Musik, Bewegung und Rede verflochten sind. Orffs künstlerische Konfigurierung passte infolgedessen den musikalischen Fluss bis zu dem Grad an, dass sich die Musik als Klangphänomen bis zur Vollständigkeit nur durch den Schauspielkontext auf der Bühne realisieren kann, wobei dies moderne Aufführungen von Carmina Burana nur in einer Konzertform schwer befriedigen.

Während der Verfassung dieses komplexen Werkes mit dem vollen lateinischen Namen Carmina Burana: Cantiones profanae cantoribus et choris cantandae comitantibus instrumentis atque imaginibus magicis (Lieder aus Beuern: Weltliche Lieder für Sänger und Chöre, begleitet von Instrumenten und magischen Bildern) schaffte Orff mit der Folge von 24 Liedern aus dem erhaltenen mittelalterlichen dichterischen Kodex, welcher aus 254 Liedern bestehend im säkularen Latein vagabundenhafter Studenten, im Mittelhochdeutschen und im Altfranzösischen zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert entstanden ist, ein einmaliges szenisches musikalisches Werk mit einer spezifischen Dramaturgie. Letztere ist primär auf die Reihung einzelner Episoden, die sich sowohl in der Bedeutung als auch im Charakter vielfältig unterscheiden, und nicht (im strengen klassizistischen Sinn) auf den evolutionären Aufbau des musikalischen Gesamtwerks konzentriert. Deshalb überrascht es nicht, dass Orff in Carmina Burana bewusst übertriebenen komplexen Harmonien und damit der direkten Wirkung des gesungenen Textes zugutekommend ausweicht. Dies manifestiert sich häufig und auch durch affektierte Zustände in ungewöhnlich hohen Lagen aller drei solistischen Parts (wie etwa in der Arie des Tenors Olim lacus colueram, der Falsettarie des Baritons Dies, nox et omnia und der Arie für Sopran Dulcissime).

Orff wurde beim Komponieren der Kantate Carmina Burana, die mit den anderen zwei Kantaten Catulli Carmina (Catulls Lieder) und Trionfo di Afrodite (Aphrodites Triumph) das Triptychon Trionfi (Triumphe) bildet, von einer vergleichsweise einfachen, doch dramatisch wirksamen Melodik der Liedformen aus der Spätrenaissance und dem Frühbarock, vor allem durch Madrigale von William Byrd und Claudio Monteverdi, inspiriert. Als Vorbild nahm Orff sich bei seinem Schaffen einer schillernden Orchestrierung, in der es an pompösen dramatischen Momenten, darunter schon das Einführungsstück O Fortuna, velut luna statu variabilis (O Fortuna, du bist wie der Mond wandelbar), nicht fehlt, das frühe Opus von Strawinsky – insbesondere sein Ballett Les Noces (Hochzeit) –, für den der Rhythmus das primäre musikalische Element darstellte. Gerade der Rhythmus bekommt eine Schlüsselrolle bei der Bestimmung der Eingangsnummer, mit der Edward Clug in seiner charakteristischen Autorenpoetik an seine eingebungsvolle choreographische Erforschung der mittelalterlichen Mysterien des Lebens und verschiedener Perspektiven auf das Leben, die auch im sprichwörtlich „finsterem“ Mittelalter oft sehr liberal und eigentlich dem gegenwärtigen Hedonismus identisch waren, herangeht.

Das visuelle Schlüsselelement, das Clug in eine bedeutungsvolle choreographische Dimension erweitert, ist der Kreis. Jener ist als geometrische Figur die einfachste und zugleich die vollendete Schöpfung der Natur (in Kreisform formen sich Sterne, Planeten, in Kreis- bzw. Ellipsenform bewegen sich Himmelskörper). Sogleich ist der Kreis auch ein Symbol der ontologischen Vollkommenheit und Abgeschlossenheit, d. h. das Übergehen des Lebens in den Tod und umgekehrt, wie verschieden alchemistische Symbole und Embleme entweder der östlichen oder der westlichen esoterischen Tradition andeuten. Der Kreis wirkt mit seinem Mittelpunkt als dem Prinzip der Gnosis (Erkenntnis) für die Tänzer als Initiationsmoment, und zwar als Urgrund des tänzerischen (damit auch des gesellschaftlichen) Kollektivums, der den Zuschauer durch verschiedene Lebensstadien, energetische Zustände und psychische Archetypen führt. Durch Clugs expressive meisterhafte Schrift verwirklicht sich damit auf der Bühne eine Art Evolution des Lebensweges, der durch die Kräfte des Abpralls und der Anziehungskraft bedeutsam vorgezeichnet wird. Der Choreograph untermauert dies im Schaffen neuer Lebensrituale (und schrittweisen symbolischen Entzweiung des Liebespaares als der neuen Zivilisationsurzelle) in allegorischer Form mit der gesanglichen Invokation der Texte aus jenem berühmten mittelalterlichen Kodex. Dabei schafft er im Grunde genommen alle Bedingungen für eine tiefe und intensive geistige Erfahrung des Lebens durch die Synthese von Musik, Text und Tanz.

Premiere
16. 5. 2021,
Velika dvorana
Dauer
1 ura
brez odmora

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